Trends im Arbeitsschutz im Post-Corona-Zeitalter

Interview mit Dr. Martin Weskott

"Der Fokus sollte auf Arbeitszufriedenheit und Aufklärung liegen"

Dr. Martin Weskott, Facharzt für Arbeitsmedizin von SMARTmedSolutions

Welche Maßnahmen sollten Unternehmen ergreifen, um ein sicheres Arbeitsumfeld zu gewährleisten?

Dr. Martin Weskott: Jedes Unternehmen muss sich an die allgemein bekannten gesetzlichen und berufsgenossenschaftlichen Regeln halten, die zum gesunden Gestalten von Arbeitsplätzen gelten und gut etabliert sind.

Innerhalb dieser Regeln haben die Unternehmen einen hohen Spielraum der Gestaltung der Arbeitsplätze, die Beachtung dieser Regeln stellt bereits ein hohes Maß des Standes von Sicherheit und Technik dar.

Gibt es Angebote von Betriebsärzten, um die Mitarbeiterzufriedenheit zu steigern?

Dr. Martin Weskott: Angebote an Beschäftigte zur Steigerung der Arbeitsqualität und Arbeitszufriedenheit gehen in der Regel von dem aus, der die Arbeitsplätze und die Arbeitsumgebung gestaltet: dem Arbeitgeber.

Dieser kann veranlassen, dass zusätzliche Maßnahmen, die er für wirksam hält, durch externe oder interne Akteure angeboten werden. So können Betriebsärzte auf Wunsch des Unternehmens zusätzliche Leistungen erbringen, die über das gesetzlich geforderte (Mindest-)Maß hinausgehen.

Besondere Präventionsleistungen sind denkbar, wie Spezialsprechstunden zu Themen wie Impfschutz, Reisegesundheit, seelische Gesundheit, Resilienz, Bewältigung von Alltagsbelastungen und Krisen im beruflichen und privaten Umfeld, Ernährung, Trink- und Rauchverhalten, Umgang mit Genussmitteln (auch Entwöhnung von diesen), Auswahl von geeignetem Sport und Prüfung der hierfür notwendigen Belastbarkeit (Tauchen, Bootssport, Laufsport, Kraftsport, Fitnesssport usw.).

Warum ist die Impfquote von Auffrischungsimpfungen bei Erwachsenen gering?

Dr. Martin Weskott: In der heutigen Zeit werden die Menschen medial überschwemmt mit Informationen. Für viele Menschen ist es zunehmend schwierig, Dringendes von nicht Zeitkritischem und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Grund dafür ist u.a. die Werbung, die alles in lauter und bunter Weise aus Wettbewerbsgründen als "sofort und wichtig" zu verkaufen sucht.

So wird die Einordnung in der geeigneten Prioritätenfolge schwierig. (Als Beispiel aus dem Bereich Impfen mag die derzeit im TV recht auffällige Werbung für die Gürtelrose-Impfung dienen, die teuer und für die Hersteller lukrativ ist und dem unkritischen Zuschauer als Schutz hoher Priorität erscheinen mag).

Erst, wenn ein Problem durch Auftauchen einer akuten Erkrankung im Freundes- und Bekanntenkreis offensichtlich wird, scheint die Gefahr für den Einzelnen näher an ihn persönlich heran zu kommen als ohne dies. Da wir in einer Welt mit hohem Hygienestandard und ohne viele impfpräventable Erkrankungen leben und daher kaum noch verpflichtende Impfungen existieren, denken viele Menschen nicht mehr an einen wirksamen Impfschutz, der in Kindertagen noch selbstverständlich war.

Impfpässe werden verlegt/verloren/vergessen und erst eine geplante Reise in die Ferne ruft die Aufmerksamkeit wieder auf den Impfschutz.

Welches sind die aktuellen Trends und Entwicklungen im Arbeitsschutz?

Dr. Martin Weskott: Seit Jahren hat der Gesetzgeber immer weniger reguliert und vorgeschrieben, was Unternehmen zum Schutz der Beschäftigten zu tun haben. In unserem Land und in ganz Europa sind die Arbeitsschutz-Standards hoch, Tod oder Leid durch beruflich bedingte Erkrankung oder Unfall erscheinen weit weg vom Einzelnen (Unfälle haben immer nur "die Anderen"), man fühlt sich sicher.

Der Gesetzgeber setzt seit über 10 Jahren vorzugsweise auf Beratung, Aufklärung, Einsicht und Vernunft, was eigentlich ok ist, aber nachlässiges und fahrlässiges Handeln erleichtern kann. Zudem war früher der Arbeitsschutz Schadens- oder Krankheits-orientiert, heute ist die Erhaltung der Gesundheit und der Leistungsfähigkeit mehr im Fokus des Geschehens.

Das kann man als Trend, aber auch als vernünftigen Ansatz verstehen, wie ich es mache. Eine erfreuliche Entwicklung (kommend aus der "new economy") ist ein neuer Fokus auf Arbeitszufriedenheit, Sinnhaftigkeit und Zukunftsfähigkeit der Arbeit und verzahnt damit der Freizeit. So wurde früher wenig gedacht.

Welche Herausforderungen hat der Arbeitsschutz beim mobilen Arbeiten (Home Office)?

Dr. Martin Weskott: Mobiles Arbeiten und Home Office werden oft synonym genannt, sind jedoch deutlich zu unterscheiden.

Beim mobilen Arbeiten bestimmen die Beschäftigten Ort und Arbeitsumfeld weitgehend selbst. Beim Home Office ist der Arbeitgeber in einer höheren Verantwortung, was Ausstattung und Gestaltung des Arbeitsplatzes betrifft, denn hier greifen die gesetzlichen Regeln und eine gesetzlich festgelegte Haftung der Unternehmen. 

Wie gearbeitet wird, müssen die Unternehmen mit den Arbeitnehmervertretungen in Betriebsvereinbarungen vereinbaren.

Warum wird Arbeitsschutz häufig als lästig angesehen? Gibt es moderne Alternativen?

Dr. Martin Weskott: In unserer (kapitalistisch geprägten) Arbeitswelt herrscht noch oft die Vorstellung: der Unternehmer bestimmt und der Beschäftigte befolgt. Diese etwas antiquierte Vorstellung von "Oben und Unten" hat zum Schutz der Beschäftigten zu vielen , teils komplizierten Regeln und Gesetzen zum Schutz der Beschäftigten geführt.

So wurde unter Bismarck die gesetzliche Unfallversicherung (u.a. der Berufsgenossenschaften) gegründet, der einzigen Versicherung, die nur von den Unternehmen finanziert werden und deren Leistungen im Schadensfalle nur an die Beschäftigten gehen. 

Daher hat die gesetzliche Unfallversicherung Regeln und Gesetze in Gang gebracht, die die Sicherheit erhöhen und die Schäden durch Arbeit vermindern sollten. Dies widersprach dem Vorsellungen von "freiem Unternehmertum" mancher Unternehmen, die Regeln und die finanzielle Belastung (eigentlich nur eine Umlage der Krankheits- und Unfall-Kosten) wurden als lästig empfunden. Mehr Aufklärung, mehr Schulungen, mehr Prävention - auch online heutzutage - sind sinnvoll, um dem entgegenzuwirken.

Welches werden die kommenden Trendthemen im Arbeitsschutz sein?

Dr. Martin Weskott: Gesunderhaltung, Salutogenese, gesundheitsförderndes Verhalten am Arbeitsplatz, Sinnerfüllung und Freude an der Arbeit wie am Leben, Achtsamkeit, Nachhaltigkeit beim Umgang mit Ressourcen und Menschen.

Viele Begriffe hiervon werden als Schlagwörter in vielen Stellenanzeigen genannt, aber nicht wirklich so gemeint und im Alltag auch keineswegs gelebt. Schauen Sie die Stellenanzeigen an, besonders im sozialen und kirchlichen oder HQ-Umfeld. Dort wird viel versprochen.

Welche Ressourcen, Schulungen oder Tools können Unternehmen ihren Beschäftigten zur Verfügung stellen, um den Arbeitsschutz zu unterstützen und Risiken zu minimieren?

Dr. Martin Weskott: Tools, Schulungen, Events und immer wieder Übungen zu diesen Themen: Sein Arbeitsumfeld kennen, akzeptieren, sich darin wohl und zu Hause fühlen, selbst Risiken früh erkennen und früh eliminieren, selbstbestimmtes Handeln, Handlungsfreiräume und -sicherheit, Fehlerkultur im Unternehmen und privat, Irrtumsvermeidung durch Wissen, mehr wissen als man im Alltag können muss, Unfallverhütung und -bekämpfung. 

Und das alles bereits in der Schule und in der Ausbildung. Mehr Konzentration auf die Inhalte als auf schön klingende oder gestaltete Tools! Das Werk und nicht das Werkzeug feiern! Coole Gadgets retten kein Leben und keine Gesundheit. Kluge und kundige Menschen tun dies.

Die meisten Menschen arbeiten viel oder sogar immer an Bildschirmarbeitsplätzen. Was ist aus ärztlicher Sicht bei der Arbeit am Computer zu beachten?

Dr. Martin Weskott: Die Arbeit am Bildschirm ist eigentlich mit der am Wesentlichen geringsten körperlichen Belastung und Gesundheitsgefährdung von allen Arbeitsplätzen verbunden. Die wesentlichen Risiken ergeben sich nicht aus der Arbeit an sich, sondern aus der fehlerhaften Verwendung des eigenen Körpers bei der Arbeit.

So ist ständiges Sitzen nicht hilfreich. Die Menschen an Bildschirmarbeitsplätzen müssen ermutigt werden, wechselnde Körperhaltungen und den ständigen Wechsel von Sitzen, Gehen und Stehen zu üben und im Alltag beizubehalten. Nicht der Arbeitsplatz ist gefährlich oder krankmachend, sondern das Verhalten am Arbeitsplatz. Bequemlichkeit = alles um einen herum angeordnete Arbeitsmaterial inkl. Drucker führt zu Bewegungsarmut. Nicht der Monitor oder der Drucker macht krank.


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